Am Grab eines Dichters

Freilich ist es

seltsam, an einem 

Ort zu sein 

und wissen: sobald

du wegfährst

kommst du niemals

wieder zurück,

stehst nicht 

an dieser

Stelle — ein Ort,

den du dir

wie oft 

in Fotos angeschaut

hast und selbst

vorgestellt, 

eines Tages auch

dort zu sein.

Auf der Mauer zu sitzen,

am Grab vielleicht 

ein Gedicht 

dem Dichter vor-

zutragen. Vielleicht 

eines seiner

eigenen — sogar

das letzte, welches du

als Gebet im Kopf 

die vielen Jahre

mit dir trugst

seitdem die Zeilen

zum ersten Mal

an den verschwitzten

Bettlacken einer

Intensivstation

aufklangen

in dir. Die Ausgabe

gesammelter Gedichte

am Nachttisch 

wie ein Stundenbuch,

in der du gelb-

häutig beim Lesen

fingernass die Blätter 

zerrtest. Jucktest 

an deine halb

zugeschwollenen

Lider, Wörter einzeln 

in die Hirnbrühe 

zu drücken

als du sterbend

da lagst und

doch nicht

starbst. So kam 

dir das Letzte, und ging 

wieder fort. Es war

nicht Zeit. Jetzt

stehst du am Grab 

des Dichters gelehnt

an der äußersten

Kirchenwand

nach Süden schauend

über die Grenze

des deutschsprachigen

Raums. Ein rahmen-

des Mäuerchen

aus Kalkstein, seine scharf

gemetzten Kannten

ständig von krümelnden

Spalten und Lücken

widersprochen.

Und hinter dem kleinen

kniehohen Eisentor

ein Rosenstrauch, der

durch die Sprossen

eines nach oben

schrägenden

Spaliers wächst.

Das selbsterfundene

Wappen auf den

Grabstein, mit zwei

springenden Windhund-

pärchen, die sich

spiegelnd anschauen —

eines tanzt in den Lüften

über der Krone

des Spangenhelms,

das andere abgebildet

unten am Schild

wie lang im Glück

verblichene

Hundesahnen

während Laub spreizt

überall aus den

Sehschlitzen

im Helm. Und davor

ein Kreuz aus verwittert

grauem Holz

mitten im Gärtchen

gepfählt, zersprungen

der Maserung

entlang. Initialen geritzt

auf den Querbalken

zwischen den beiden

unwichtigsten

Daten des darunter

Gedeuteten. Ob das wohl

wirklich neunundneun-

zig Alpenwinter

hier stand?

Du denkst, da stimmt

was nicht, ziehst

dein iPhone aus der

Hosentasche, öffnest Chrome

und suchst nach Bilder

vom Grab. Feinere

Details sind kaum zu

erkennen, weil

dein Bildschirm helllicht

schwarz unter der

exakten Mittagssohne

glänzt. Kannst

da nur dein fratzend

eigenes Gesicht

sehen, wie es hoch

aus dem Blauen schaut

und wo das Ende

deines abgeflachten

Zeigefingers

seine Schneckenspur

schmierte, pochte

im Textfeld. Du musst

die Sonnenbrille absetzten

und mit der Hand

wie ein Dach, Proszenium

an deiner Stirn

gedrückt, dein Handy

im Schatten dieser kleinen

Kammer überwölbt

direkt vor den Augen

halten. Unter den

Suchbildern findest du

eins gehostet

auf Wikipedia, laut

Metadaten hochgeladen

am 18. Juli 2006.

Die Kammer fällt weg

und du siehst, verschwunden

sind die Gräber der

links und rechts im Bild

Bestatteten. Es gibt

kein Zeichen vom Herrn

Imboden, der

Nachbar des Dichters

von 1966 bis irgendwann

an den hellgrünen

Rasen vor dir — umgebettet

wurde er anderswo

im Friedhof. Auf einigen

Fotos scheint

der Anlass gewesen

das Pflanzen eines frischen

Kreuzes — bei einem

ist es neulackiert,

bei anderen wieder wie

vorgespult

durch den Zorn

dutzender Winter, aber

immer des gleichen

Gestalt. Wie viele wurden

dem Ursprünglichen

nachgeahmt? Doch wirkt es

über die Jahre formlich

weiterentwickelt,

verdeutlicht — die Kanten

schärfer, der Zug

des Schrifts überzeugter,

strenger, tiefer in die gesamte

Balkenbreite geritzt.

Auf einer alten Postkarte

erscheint das Grab

sepiafarben, wüst überwachsen

und umkreist

durch ein deutlich

anderes Gemäuer, sanfter

abgerundet, wie aus

verschmolzenem

Wachs. Ganz mittelalterlich,

fast antik, als ging es

des Toten Geburt

Jahrhunderte

voraus. Auf einem kleinen

Abstecher vom

Staatsbesuch zu Bern

nährt sich

Hannelore Kohl

dem Grab, in Begleitschaft

eines grinsenden

Kanzlers, ein Strauß

weißer Rosen

zu liegen — keine Mauer

umringt sie, sondern

eine Filmcrew, Paparazzi

und das späte

Schnee. Diese Aufnahme

vom 14. April 1989

und du jetzt ungefähr

an Helmuts

Stelle. Vor-

gespielt wollten

die Einen ihre Unschuld

im Rustikalen wie

etwas Fremdes wieder

begegnen, ein Schicksal

lang aufgegeben,

eine Ruine, an deren

Vernichtung sich

niemand, zumindest

nicht im Boden

erinnert. Und es räumten

die Anderen auf, stillten

den Zerfall, setzten

sich ihr Wollen

inszeniert und völlig

abrufbar

ab. Schau’s an.

Endlich 

bist du da.

Das Leben braucht 

seine Zeit, wahr

zu werden — also, wie du 

weißt, bedeutet das

eigentlich:

zu vergehen.